Sturm im Kopf - Teil 1
Wie alles begann!
Ich weiß nicht mehr wie dieser Dienstag morgen im Mai angefangen hat, denn ich erinnere mich nicht. Aber es muss heftig gewesen sein. Diesen Teil meiner Geschichte, kann ich nur aus den Erzählungen meines Freundes Karl entnehmen.
Karl war morgens im Fitnessstudio. Er hatte dann irgendwann einen Anruf von mir erhalten, dass es mir nicht gut gehe und er sofort nach Hause kommen sollte. Da er weiß, dass ich grundsätzlich dazu neige meine Gesundheit nicht so ganz ernst zu nehmen und ich daher niemals einfach so meine Lage übertreiben würde, hat er sich sofort ins Auto gesetzt und ist nach Hause gefahren.
Auf dem Weg nach Hause, hat Karl mich noch einmal angerufen um zu hören, ob bei mir alles okay sei und ich sagte ihm wohl, er solle sofort einen RTW rufen.
Die Lage war verdammt ernst. Das muss mir also zu diesem Zeitpunkt bewusst gewesen sein.
Ich soll bereits am Telefon sehr laut geschrien haben vor Kopfschmerzen.
Als Karl nach Hause kam, lag ich krampfend im Bett. Zu den heftigen Kopfschmerzen, kam noch ein heftiger Epileptischer Anfall. In meinem Kopf, muss so ein heftiges Unwetter stattgefunden haben. Dazu muss ich sagen, ich bin kein Epileptiker. Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Epileptischen Anfall. Dieser Anfall, diese heftigen Schmerzen, was passiert hier nur?? Das waren wohl nur ein paar der Dinge, die Karl hier durch den Kopf gingen.
Dann kamen endlich die Rettungssanitäter. Ganz gemütlich haben sie sich Zeit gelassen rein zu kommen. Ohne Maske sind sie ins Schlafzimmer gekommen, obwohl Karl am Telefon noch erwähnt hatte, dass ich mich einen Tag vorher Corona positiv getestet habe. Naja, Corona war hier auch gerade meine kleinste Sorge um ehrlich zu sein.
Im Krankenhaus angekommen, wurde ich nach den notwendigen Untersuchungen nämlich direkt Notoperiert. Diagnose: Hirnblutung. Soll wohl ganz schön wild in meinem Hirn ausgesehen haben.
Und wild hat sich das auch angefühlt als ich nach der OP 10 Tage im Künstlichen Koma lag.
Hier beginnt die Geschichte aus meiner Sicht!
Lasst euch gesagt sein, eine Person die im Koma liegt, bekommt mehr mit als ihr glaubt! Ich habe z.B. mitbekommen, dass meine Mutter mir aus dem Pferdeflüsterer vorgelesen hat. Ich habe mitbekommen, wie eine Schwester immer wieder mit mir gesprochen hat. Wie sie mir erzählt hat, dass meine Familie jeden Tag da sei und dass sie ganz viele Fotos auf gehangen haben, von meinen Tieren und meinen Freunden. Ich weiß noch wie ich mir dachte, was redet die für einen Scheiß? Ich schlafe doch nur. Ich habe die ganze Zeit gedacht, dass ich einfach nur einen beschissenen Albtraum habe aus dem ich es nicht schaffe aufzuwachen. Im Grunde war es ja auch so, ich habe es nicht geschafft aufzuwachen. Nur das mir natürlich nicht bewusst war, dass ich im Koma liege, und dies kein normaler Schlaf war in dem ich mich befand, so wie ich die ganze Zeit dachte.
Ein Traum an den ich mich erinnere war, dass ich meiner besten Freundin Miri geschrieben habe, dass ich einfach nur schlafen gehen wollte und dann DAS! Mit DAS ist ein Foto gemeint, wie ich an ganz vielen Schläuchen auf der Intensivstation liege. Interessant, weil ich das ja wirklich tat, es aber ja aufgrund des Komas noch gar nicht wusste. Im Nachhinein hat Karl mir allerdings erzählt, dass die Schwester die immer mit mir gesprochen hat, mir unteranderem z.B. auch erklärt hat, dass ich Intubiert bin, also künstlich beatmet werde. Damit besteht eine Verbindung zu meinem Traum, der mir so unglaublich realistisch vor kam.
Ein etwas gruseliger Traum, der mir aber auch unglaublich realistisch vorkam, war dass ich mir immer wieder den Tubus (Beatmungsschlauch) rausgezogen habe. Mir wurde immer wieder ein neuer gelegt und ich habe ihn immer wieder rausgezogen bis ich irgendwann weggegangen bin um einen Mann, der auch als Patient dort war, zu töten, weil er mein Versteck gefunden hatte, wo ich die ganzen Beatmungsschläuche, die ich mir immer wieder rausgezogen habe gelagert hatte. Ich erinnere mich nur noch daran wie ich in meinem Traum im nächsten Moment wieder im Patientenbett lag und überall an den Händen, Beinen und Füßen Blut hatte.
Im Nachhinein hatte ich dann erfahren, dass ich in der Koma Zeit meine Periode hatte und Bluttransfusionen bekommen habe. Wieder eine Interessante Verbindung.
Aber der mit Abstand angsteinflößendste Traum aus meiner Koma Zeit war, dass ich eine Stimme gehört habe, ich nenne sie immer die Stimme aus dem Jenseits, weil ich nicht weiß was für eine Stimme es gewesen war. Und diese Stimme hat mich gefragt, ob sie mich mitnehmen soll…
Ich habe sehr aggressiv geschrien „NEIN MAN, ICH BIN HIER NOCH NICHT FERTIG!!!“ … und dann bin ich aufgewacht.
Den Tod angepöbelt und in die Schranken gewiesen, bin ich 10 Tage nach der Not-OP aufgewacht.
Unter den Lebenden!
Ich erinnere mich nicht mehr daran, was mir als erstes durch den Kopf gegangen ist als ich aufgewacht bin. Ich habe einige freudige Gesichter gesehen, die mich fragten, ob ich wüsste wo ich sei, ob ich wüsste was passiert ist. Das Einzige was ich wusste, und auch das erste woran ich mich noch erinnern kann ist, dass ich unglaublich doll auf Klo musste!! :D Typisch! Ich muss, wenn ich aufwache immer erst mal auf Klo! :D Ich weiß noch wie Papa und Karl dort waren und ich so vergeblich versucht habe ihnen das mitzuteilen. ich habe Karl das Handy weggenommen, weil ich ihm eine Nachricht darauf schreiben wollte das ich auf Klo muss aber er hat es mir einfach wieder weggenommen!! :D Das ich einen Blasenkatheter hatte, hat mir dann irgendwann eine Schwester mitgeteilt, dass wusste ich doch nicht!! :D
Und dann dieser blöde Tubus in meinem Hals. Der hat mich echt fertig gemacht. Seit mal wach und habt dann so ein Teil im Hals. Nicht angenehm kann ich euch sagen!!
Ich war mit beiden Händen am Bett fixiert, weil die kennen das dort ja schon, dass die Leute sich in dieser Phase gerne den Beatmungsschlauch selbst rausziehen wollen. So auch ich und ich sag euch, ich habe alles gegeben! Trotz dessen, dass sie auf Bitte meiner Mutter die Fixierung der Arme noch verstärkt haben, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!! Und ich habe eine verdammt große Willensstärke!
Ich habe es also tatsächlich nach ein paar Tagen geschafft mir das Teil selber rauszuziehen. Die zuständige Schwester war mir ganz schön Böse :D Aber dazu gesagt, sie hatten den Tag davor ausprobiert ob ich ohne Gerät atmen kann. ICH KONNTE!!! Also hatte ich nicht verstanden wieso ich das Teil noch immer im Hals hatte. Zum Glück hatten sie ihn dann auch draußen gelassen. Ich sagte dann zu Papa und Karl, dass sie jetzt die Fotos abhängen müssten, weil wir doch jetzt nach Hause fahren. Ja, ich war ein wenig verwirrt! :D
Mir wurde ein Teil meines Schädels entfernt, welcher ja erst noch in ein paar Wochen wiedereingesetzt wird, ich konnte so nicht einfach nach Hause fahren.
Die Narbe geht noch über den Hinterkopf bis zum Ohr rum.
Man sieht auch noch den Schlauch in meinem Kopf stecken,
über den Wundwasser ablaufen konnte.
Aber Madame möchte nach Hause fahren. :D
Ich glaube die zuständigen Schwestern und Pfleger hatten ganz schön Spaß mit mir, denn trotz der schwierigen Situation, der bestehenbleibenden Albträume und der nächtlichen Panikattacken, habe ich schnell auch wieder meinen Humor gefunden. Und was glaube ich jeder weiß der mich kennt ist, dass es mit mir immer was zu lachen gibt! :D Aber natürlich blieben auch die Tränen nicht aus. Da will ich niemanden was vor machen. Es war eine heftige Zeit, da ist es unmöglich nicht hin und wieder mal zu weinen und das ist auch völlig in Ordnung!!
„Du bist ein Wunder“
Ein Satz, den ich wirklich sehr oft zu hören bekommen habe ist, dass ich ein Wunder sei. Ich habe bis vor kurzem die ganze Zeit gedacht, dass die alle ein wenig Übertreiben. Ja klar, mit einer Hirnblutung ist nicht zu spaßen und mir ist bewusst das ich hätte sterben können, aber ein wunder? Verstehe ich nicht.
Irgendwann habe ich dann aber erfahren, dass ich den höchsten Grad einer solchen Hirnblutung hatte und dass die Wahrscheinlichkeit das zu überleben gering, sehr gering waren.
Jetzt verstehe ich, wieso sie alle sagten, dass ich ein wunder sei.
Ich verstehe es jetzt.
Leben!
Ja naja, nachdem ich dann also noch einige Zeit auf der Intensivstation verbracht hatte, der Meinung war mir auch meine Magensonde selbst rauszuziehen und einen gelegten Zugang mal selbst rauszuziehen, :D ging es dann für mich rüber in die Frühreha, damit ich schnell wieder auf die Beine komme, denn das war für mich noch ein riesen Problem.
Ich habe zwar alles gefühlt, aber durch die lange liege Zeit haben meine Muskeln enorm abgebaut! Ich konnte mich auf meinen Beinen nicht mehr halten. Das hat mir die erste Zeit enorm Angst gemacht! Motorisch und Neurologisch war ich zum Glück bis auf das Laufen gut unterwegs.
Ich war motiviert, ich war von dem ersten Moment an wo ich verstanden habe was passiert ist, enorm motiviert mich wiederaufzubauen um wieder die alte zu werden!!
Scheiße passiert, aber es liegt an uns wie wir damit umgehen und was wir daraus machen!
Ich hatte in der Reha so tolle Physio- und Ergotherapeuten und auch eine richtig tolle Ärztin die mir alle sehr geholfen haben, ohne sie alle, wäre ich niemals so gut wieder auf die Beine gekommen!
In der Reha habe ich auch sehr sehr viel Besuch von Karl, meinen Freunden, meiner Familie und Chili bekommen denen ich für alles so unendlich dankbar bin, sie sind alle Balsam für die Seele gewesen!
Ich habe so geweint vor Freude!!
Flickt mich bitte wieder zusammen
Nach 3 Wochen Stationärer Reha war es dann endlich soweit!
Ich soll meine Schädeldecke wieder in den Kopf bekommen!
Diese wurde im Übrigen bis zur Reimplantation im Kühlschrank gelagert. Komische Vorstellung! Ich hoffte nur, dass sie meine Schädeldecke auch richtig benannt hatten, nicht das ich nachher noch die falsche eingesetzt bekomme! :D
sah ich ziemlich Asymmetrisch aus
wegen dem Teil Schädel der mir fehlte!
Meine Freundin Toni hat meine rechte Kopfseite liebevoll
„Schwibbel-Schwabbel“ getauft! :D
Die war nämlich wirklich ganz schön schwabbelig! :D
Für mich ging es aus der Reha also wieder ins Krankenhaus.
Ich war so unglaublich aufgeregt und ich hatte riesige Angst.
Nach der OP bin ich diesmal zum Glück ohne Beatmungsschlauch aufgewacht. Außer das ich das Narkosemittel nicht vertragen hatte, wovon mir so unfassbar schlecht wurde, ist die OP Komplikation frei verlaufen und ich war wieder Symmetrisch!!!
diese Blutbeutel die ich mit mir rumschleppen musste
waren wirklich sehr ekelig!!
Nachdem ich eine Nacht auf der Intensivstation noch mal bleiben musste, durfte ich zum Glück wieder auf die Normale Station zurück. Ich hatte eine wirklich nette Zimmergenossin. Ihre Tochter hat mir sogar einfach eine Kette mit Flüssigen Glück aus Harry Potter geschenkt! Das hat mich wirklich so gerührt, wir waren uns schließlich fremd! Es gibt sie noch, die guten Menschen!
Nach 5 Tagen Krankenhaus ging es dann für mich endlich nach Hause!!
Ich war so voller Vorfreude, aber ich hatte auch Angst. Angst davor, dass wieder irgendwas passieren könnte, Angst davor, dass es das einfach noch nicht war.
Und ich sollte recht behalten. Eine Woche nachdem ich wieder zuhause war, habe ich plötzlich einen Tauben Arm, eine Taube Hand, eine Taube Gesichtshälfte und eine Taube Zunge bekommen. Ich hatte eine solche Angst. Ich musste direkt an einen Schlaganfall denken. Karl hat mich daraufhin in die Notaufnahme gefahren.
Ohne Wartezeit wurde ich direkt ins CT gerollt. Sie haben mich sofort Stationär aufgenommen für weitere Untersuchungen, um einen Schlaganfall auszuschließen. Ich habe mir zu dem Zeitpunkt gedacht, das kann jetzt wirklich nicht wahr sein. Zum Glück musste ich nur 2 Tage dortbleiben.
Diagnose: Epileptischer Anfall. Ich war zuerst skeptisch, da ich mir unter einem Epileptischen Anfall einfach etwas anderes vorstelle. Ich habe mir zu dieser Diagnose noch andere Meinungen von Ärzten eingeholt und doch waren sie sich alle einig, vor allem, weil ich an 3 Tagen 3 Anfälle hatte, jeden Tag einen, und seit ich die Tabletten gegen Epilepsie nehme, keinen mehr hatte.
Fazit
Es liegt noch ein langer Weg vor mir, aber ich werde ihn bis zum Schluss genau so mutig gehen wie ich ihn angefangen habe! Auch die Rückschläge die ich bereits hatte und vielleicht auch noch haben werde, können mir gar nichts!
Ich fühle mich wie eine Superheldin, wie eine Kriegerin und einfach wie der Stärkste Mensch der Welt! Aber auch Superhelden und Kriegerinnen haben Ängste und Sorgen und Weinen zwischendurch mal, das ist absolut in Ordnung!
Ich bin aber auch der Meinung dass es, wie es ausgeht, sehr stark eine Einstellungssache ist. Und das fängt mit der Einstellung an mit der man durchs Leben geht und wenn man dann noch Ins Koma katapultiert wird, dann dreht und wendet sich alles mit der Einstellung die man hier hat.
Ich bin der Meinung, dass ich Motorisch und Neurologisch nicht so gut davongekommen wäre, wenn ich eine andere Einstellung gehabt hätte, wenn ich nicht so um mein Leben gekämpft hätte wie ich es getan habe.
Wenn ihr also mal irgendwann, und das wünsche ich wirklich niemanden, aber wenn ihr mal doch in eine solche Situation kommen solltet, kämpft immer um euer Leben! Seid mutig! Das ist es wert, wir haben nur dieses eine und das ist wunderschön!!