Sturm im Kopf - Teil 4

 Mentales Chaos

´Ich gehe gerade durch die Hölle. Ich weiß nicht mehr wo vorne und hinten ist. Bin durcheinander. Kann nicht mehr klar denken. Die Angst schnürt mir die Kehle zu. Ich bin so ausgelaugt. Ich erkenne mich selbst nicht wieder. Es geht mir schlecht. Mir fehlt die Energie. Ich finde mein Gleichgewicht nicht mehr. Und ich weiß nicht wie ich das noch schaffen soll bis zur OP. Ich will es einfach nur endlich hinter mir haben. Ich will dieses ganze Kapitel endlich abschließen können.

Nennen wir das Kind beim Namen. Ich habe Angst vor dem Tod. Oft lese ich von Leuten, die eine Nahtoderfahrung hatten, die genau deshalb vor dem Tod selber kaum mehr Angst haben. Da kann ich mich nicht mit einreihen. Gerade weil ich ihm bereits so nah war, weiß ich wie angsteinflößend er ist.

Wer meinen ersten Blogeintrag gelesen hat erinnert sich vielleicht noch daran, dass ich beschreibe, wie ich mich daran erinnere ihn in die Schranken gewiesen zu haben als ich im Koma lag. Das heißt aber nicht, dass er mir keine Angst gemacht hat. Vielleicht war es auch genau die Angst, die mir am Ende noch die letzte Energie gegeben hat wieder die Augen zu öffnen.

Ich weiß, dass bei der OP niemand einplant, dass ich dabei sterbe. Es wird an meinem Knochen operiert, nicht an meinem Hirn. Aber diese OP ist so unglaublich nah an diesem so lebenswichtigen Organ. Ist es verständlich, dass ich Angst habe? Sicherlich. Ist es verständlich, dass ich mich so extrem verrückt mache? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich die letzten 12 Monate eine ganze Menge erlebt habe, was mich an manchen Ecken einfach geprägt hat.

Diese Angst zu sterben bei der OP, diese verdammte Angst treibt mich gerade an meine Grenzen. ´


Diese Zeilen habe ich in einem Moment des Zusammenbruchs einige Tage vor meiner Operation geschrieben. 

Das Warten auf die OP war nicht leicht für mich, besonders ab dem Moment, wo ich den Termin erhalten habe. 

Etwas, was vorher noch so weit entfernt wirkte, war plötzlich so schrecklich nah. Es war plötzlich so realistisch. 

An dem Tag, als ich diese Zeilen geschrieben habe, war ich schrecklich verzweifelt. Ich wusste nicht mehr wie ich mich verhalten sollte, wie ich diese Angst im Griff behalten kann. Ich wusste nicht, wie ich diese Zeit bis zur OP noch überstehen soll. 

Also habe ich das, was ich in diesem Moment empfunden habe, runtergeschrieben. 

Das hat mir geholfen mich wieder zu beruhigen, den Fokus wieder zu finden. 

Ich gehöre eher zu den Menschen die leise leiden. Ich weine und verzweifle, wenn ich alleine bin. Nicht weil ich mich schäme, sondern weil ich einfach so gestrickt bin. Ich möchte mit diesen Schmerzen, die ich empfinde alleine zurechtkommen, auch wenn ich das gar nicht müsste, denn ich bekomme sehr viel Rückhalt.



Okay, los geht’s... oder?


Die Zeit vor der OP war also sehr nervenaufreibend für mich.

Nun soll es aber los gehen. Der Tag der Operation ist gekommen. Tatsächlich habe ich noch mal einen richtigen Energie Schub bekommen. Ich habe mich bereit gefühlt! 

Doch dann kam plötzlich ein Anruf. Meine Sachen waren gepackt, wir wollten gerade los, da bekomme ich einen Anruf aus dem Krankenhaus, dass meine OP verschoben werden muss, weil zu viele Notfälle reingekommen sind. Ähm... wie bitte?

Dass die OP verschoben werden könnte, das ist eine Option die ich überhaupt gar nicht in Betracht gezogen habe. Für mich stand ganz klar fest, dass ich operiert werde. 

3 weitere Tage sollte ich nun auf meine OP warten. Ihr könnt euch nicht vorstellen was in mir vorging. Ich hatte so eine furchtbare Angst vor dieser OP. Wochenlang habe ich mich verrückt gemacht, ich war komplett fertig mit den Nerven und jetzt muss ich wieder warten. 



3 Tage später!

Okay, jetzt geht es aber wirklich los! … Oder?


Immerhin war ich jetzt im Krankenhaus, für die OP angemeldet und wartete im Wartezimmer. Auch hier habe ich die Option, dass die OP nicht stattfinden könnte, nicht in Betracht gezogen. Schließlich sitze ich hier und warte darauf das man mich für die OP aufruft. Eine Stunde verging... zwei Stunden vergingen... 3 Stunden... 4 Stunden... 5 Stunden… 6 Stunden... „Es tut uns leid, aber wir können sie heute leider wieder nicht operieren, es sind zu viele Notfälle reingekommen und wir haben nicht genug Personal.“

Ist das ein Scherz? Ich konnte nicht glauben was sie da gerade zu mir sagte. Das kann jetzt wirklich nicht wahr sein. Ich hätte am liebsten den ganzen Laden auseinander genommen so wütend war ich. Mir war aber durchaus bewusst, dass das Personal nichts für die Lage des Personalmangels kann, daher habe ich mich zusammengerissen, auch wenn es wirklich schwer war. Ich wollte in diesem Moment einfach jemand greifbares haben dem ich die Schuld geben konnte. Aber es wäre nicht fair gewesen es an diesen Menschen zu tun. Dennoch bin ich der Meinung, dass man das hier auch intern anders hätte mit mir kommunizieren können.

Ich habe dort 6 Stunden gewartet, ohne essen, ohne trinken, weil ich nüchtern sein musste. Das letzte Mal hatte ich am Abend davor gegessen und getrunken. 

6 Stunden haben die mich dort aufgeregt, ohne essen und trinken sitzen lassen, um mir am Ende dann zusagen, dass ich doch nicht operiert werden kann.

Ich bin mental an meiner Grenze angekommen. 



4 Tage später!

Alle guten Dinge sind 3! ... Oder?


Man hat mir versichert, dass ich auf der Prioritäten Liste der geplanten Operationen ganz oben stehe und somit auch die erste OP bin, die für diesen Tag geplant ist. 

Ich sage euch ganz ehrlich, wäre ich jetzt wieder weggeschickt wurden, dann hätte ich das nicht mehr gepackt. 


Tatsächlich durfte ich mich aber direkt umziehen. Ich brauchte nicht noch warten, sondern ich durfte mich direkt in das super schicke OP Outfit werfen. 



Noch schnell ein schönes Foto für 

meine Freunde gemacht! :D



Puh, jetzt ging es also wirklich los.

Als ich vor dem OP lag hatte sich eine sehr liebe Krankenschwester noch um mich gekümmert, hat sich mit mir unterhalten und versucht mich noch etwas zu beruhigen. Dann kam die Anästhesistin, auch eine sehr nette Frau! Das letzte was sie zu mir sagte bevor alles dunkel wurde war, „Wir werden gut auf dich aufpassen!“ 


Gesagt, getan!

Ich hatte keinen einzigen Traum. Zumindest nicht, dass ich mich erinnern könnte. Da war nur Dunkelheit. Diese nehme ich gerne, anstelle der Albträume. 

Ich weiß, dass ich während der OP einen Schlauch im Hals hatte, aber auch ohne diesen bin ich zum Glück aufgewacht. 

Ich hatte also ein angenehmes erwachen, insofern ein Aufwachen nach einer Vollnarkose halt angenehm sein kann. 

Ich weiß nicht ob ich vorher schon irgendeinen Unsinn gequatscht habe, aber das erste woran ich mich erinnern kann ist, dass da ein Pfleger stand und ich zu ihm sowas sagte wie „Schön, ich lebe noch! Danke Leute!!“ :D  Dann kam eine Schwester und fragte ihn was ich gesagt habe und er sagte: „Ich glaube sie hat sich bedankt, dass sie noch lebt“. :D 

Ich bin halt einfach nett! 

Und alle waren ein Eis am Essen. Ich weiß aber auch nicht ob das wirklich so war oder ob das vielleicht auch nur eine Einbildung gewesen ist. Aber ich bin mir wirklich sicher! 

Ich wollte auch unbedingt eins haben, wollte aber noch was warten, weil ich von der letzten OP wusste, dass mir von der Narkose gerne super schlecht wird. 

Ja und was soll ich sagen, kurz nachdem aufwachen war ich mich ordentlich am übergeben. Wobei wir im Laufe des Tages auch festgestellt haben, dass ich mich immer am übergeben war sobald ich was Schmerzmittel bekommen habe. Irgendwann ist auch mein Kreislauf richtig abgesackt dabei. Das war echt nicht mehr lustig. Mir ging es echt mies. 


Es war Mittag als ich aufgewacht war und ich sollte für eine Nacht auf der Überwachungsstation bleiben. Dieser Tag und diese Nacht waren der absolute Horror. Ich war ja nicht alleine auf dieser Station. Links neben mir die Patientin war extrem laut am schnarchen die ganze Zeit und die Person rechts von mir war auch die ganze Zeit super laut. 

Ich dagegen, wollte einfach nur meine Ruhe haben und schlafen. Diese Ruhe sollte ich aber aufgrund der anderen Patienten leider nicht bekommen. Zusätzlich hatte ich auch wieder 2 Schläuche im Kopf die mich dazu gezwungen haben die ganze Zeit nur gerade liegen zu können. Das hat mich alles so genervt.



Ich, wie ich wieder irgendeinen

 Unsinn plane, wie Schläuche ziehen! :D



Ich habe ja eine Vorliebe für das selbstständige ziehen von Schläuchen wie wir wissen! 

Ich habe auch ganz kurz drüber nachgedacht... Habe es dann aber doch liebe sein lassen! :D

Nein im Ernst, Schläuche aus dem Kopf ziehen, ich glaube soweit würde ich dann doch nicht gehen! Wirklich nicht!


Nach einer schlaflosen Nacht wurde ich nun auf die normale Station verlegt. 

Hier hatte ich wirklich ein super tolle Zimmergenossin! Die Inge! Eine sehr liebe und lustige ältere Dame, bereits über 80. Wir haben uns vor dem Schlafen gehen mehrere Stunden unterhalten, über Gott und die Welt. Haben Unsinn mit Broschüren gemacht, die wir als Papierflieger benutzt haben und uns zugeworfen haben. :D Einfach ein toller und lebensfroher Mensch. 


Gesundheitlich war die Zeit nach der OP ein sehr starkes auf und ab. 

Kopfschmerzen waren ein lästiger Begleiter. Was würde ich nur für ein Leben ohne geben. 

Und plötzlich schwoll mein Gesicht an.



Ich sah zur Hälfte einfach aus 

wie ein ganz anderer Mensch!



Hier wurden dann auch die wildesten Theorien aufgestellt!

Misslungener Vielsafttrank (Harry Potter)

Der Neurochirurg wollte am Anfang das Implantat auf Stabilität testen und hat dafür mein Gesicht benutzt

Vom OP-Tisch gefallen

Die Krankenschwester hat mal wieder mit der Bettpfanne um sich geschlagen

Ich möchte das es der Misslungene Vielsafttrank ist!! :D


Nein, um jetzt hier keine Gerüchte zu verbreiten, natürlich ist die Schwellung von der großen Wunde. 

Denn der Teil des Schädels der mit dem Implantat ersetzt wurde ist wirklich groß. Ich wusste ja, dass das Implantat etwas größer wird, aber SO groß, wie es mir am Ende dann anhand einer Nachbildung meines Schädels gezeigt wurde, das hätte ich nicht gedacht.

Jetzt kommt der coole Teil! Schaut euch das mal an!



Mein Knochen, bevor das Implantat eingesetzt wurde.

Man sieht sehr deutlich 

wie stark der Knochen bereits abgebaut hatte.



Bei dieser Abbildung von vor der OP sieht man meinen eigenen Knochen. 

Noch mal zur Erinnerung, letztes Jahr im Mai bei der Notoperation wurde dieser Teil des Schädels entnommen und 1,5 Monate später wiedereingesetzt. 

Hier sieht man noch verständlicher als auf den CT Bildern, wo und wie viel der Knochen bereits abgebaut hatte. 

An den Seiten sieht man auch die kleinen platten womit der Schädel verschraubt wurde. 

Und die sind wiiiiirklich winzig!

Das weiß ich, weil... 


…Ich die Platten und Schrauben aus meinem Kopf

Behalten durfte!



Jetzt kommen wir mal zu dem Implantat, welches sich jetzt in meinem Kopf befindet.

Auch hier gibt es eine Nachbildung von.



Das ist exakt mein Schädel,

so wie er jetzt mit dem Implantat ausschaut.



Schon verrückt was alles möglich ist. Das Implantat wurde nur anhand von CT Bildern abgemessen und angefertigt. Kaum vorstellbar. Aber es soll super passen.

Ich selbst merke bisher keinen Unterschied zu meiner Knochen Seite. Zurzeit ist alles aber auch noch ein wenig geschwollen und taub. Das legt sich mit der Zeit, dann werde ich es genauer wissen. Aber so wie ich es gerade sehe, sieht von außen betrachtet alles super aus. 


Over & out?


Nun sitze ich hier, ein Jahr später, wieder frisch operiert. 

Ich wünsche mir sehr, dass ich nach diesem extrem wilden Jahr nun endlich so langsam mit dem ganzen Kapitel abschließen kann. 

Ich heile, körperlich, wie auch seelisch. 

Es war ein sehr schwerer Weg, der schwerste, den ich in meinem Leben bisher bestreiten musste. Ohne den ganzen Rückhalt von so vielen Menschen hätte ich das nicht geschafft. Jeder Einzelne von euch, der an mich gedacht hat, mir liebe Nachrichten dagelassen hat, mich besucht hat, jeder einzelne der einfach da war, dem bin ich so unendlich dankbar. Und das schreibe ich gerade mit Pipi in den Augen von ganzem Herzen!

Es ist schön zu wissen, dass ich so tolle Menschen in meinem Leben habe!


Auch das gesamte Team der Neurochirurgie in Köln Merheim, würde ich jeder Zeit wärmsten weiterempfehlen! Der Chirurg und sein Team, die mir im OP das Leben gerettet haben, die Chirurgen, die mich bei den weiteren OPs wieder zusammengeflickt haben, die mir aber auch immer mit Rat und Tat zur Seite standen. Die Schwestern und Pfleger, die besonders auf der Intensiv dafür gesorgt haben, dass ich am Leben bleibe, die mich getröstet haben, wenn ich geweint habe, die sich mit mir unterhalten haben, wenn ich mich einsam gefühlt habe, die mit mir zusammen gelacht haben, wenn mein Humor mal wieder dunkler als Schwarz war.


Ich lebe! Und ich werde mein Leben so richtig leben! Das ist ein Versprechen an mich selbst!





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